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Niederkalbach kath.
Erbauer: Andreas Schmidt
Baujahr: 2007



Disposition:

Hauptwerk     Schwellwerk  
Principal 8'   Gamba 8'
Holzgedeckt 8'   Rohrgedeckt 8'
Salicional 8'   Aeoline 8'
Octave 4'   Vox coelestis ab c°  8'
Flöte 4'   Gedeckt 4'
Vorabzug 2'   Quinte 2 2/3'
Mixtur 4f 2'   Flöte 2'
      Terz 1 3/5'
      Oboe 8'
      Tremulant  
         
Pedal        
Subbaß 16'      
Flöte 8'      
Gemshorn 4'      
         
Nebenzüge        
Ventus        
         
Spielhilfen
Normalkoppeln, Sup.II-P, Plenumzug
 
System
Mechan. Schleiflade
Manuale C-a''', Pedal C-f'
Expressiver Wind, drei versch. Winddrücke, Temperierung: Valotti


Projektbericht:


Die Orgel in St. Laurentius Niederkalbach 2007, II/18 (19), Andreas Schmidt


• Geschichte der früheren Orgel
1917, etwa 8 Jahre nach dem Neubau der neugotischen Kirche in Niederkalbach baute die Firma Orgelbau Gebr. Späth aus Ennetach ein damals zeitgenössisch typisches Instrument mit 13 Registern auf zwei Manualen. Ungewöhnlich war der Anlagenaufbau der mir lediglich aus Beschreibungen Ortsansässiger bekannt ist. Demnach stand auf der wesentlich kleineren Empore ein einfaches Zweckgehäuse, welches durch eine Orgelfassade auf der Emporenbrüstung verdeckt war. Zwischen der Orgelfront, die mit Schwellklappen ausgestattet war, und Fassade verlief ein enger Gang, es bestand keine technische Verbindung zu den Prospektpfeifen. Der Spieltisch war seitlich rechts, die Treteinrichtung für die Windanlage (auf dem Dachboden) gegenüber angeordnet. Man konnte sich auf der damals noch kleineren Empore kaum bewegen, da die Orgel den Raum sehr blockierte. Die technische Ausführung der Windladen basierte auf pneumatisch angesteuerten Taschenladen, wodurch innerhalb der Spielhilfen einige Raffinessen einfach zu realisieren waren. Die spätromantisch angelegte Disposition hatte die Besonderheit, dass sie im Hauptwerk schwellbar gewesen war.

Disposition: 1917, II/13, Gebr. Späth Ennetach, pneumatische Taschenlade.

II. Hauptwerk C-f’’’

I. Nebenwerk C-f’’’

Pedal C-d’

           
Prinzipal 8’ Nachthorn 8’ Subbaß 16’
Konzertflöte 8‘ Gamba 8’ Cellobaß 8’
Aeoline 8’ Salicional 8’
Vox celestis 8‘ Traversflöte 4’
Oktave 4‘
Harmonia aethera 3f.
(Tremulant)
           
Koppl. I. zu Ped., Koppl. II. zu Ped., Okt. Kopplg. II. zu Ped., Okt. Kopplg. II. zu I. 16‘, Okt. Kopplg. II. zu I. 4‘, Auslöser, Piano, Tutti, Forte, Mezzoforte

1957 Veränderungen bzw. Umbauten innerhalb der Disposition.
1977 Emporenvergrößerung. Die Orgel wurde entfernt, Teile davon wurden im Dachboden über der Sakristei gelagert. Zwischen 1977 und 2007 stand eine elektronische Orgel auf der Empore.

• Werdegang zur neuen Orgel
1999 sollten, auf der Grundlage einer Ausschreibung, verschiedene Orgelbaufirmen ihre Vorschläge zu einem neuen Instrument abgeben. Zu dieser Zeit ging es jedoch lediglich um Kostenermittlung. Die Kirchenrenovierung war in vollem Gange. Etwa ein Jahr später wurden konkrete Kostenvoranschläge eingeholt über die auch gesprochen wurde. Es ging zu dieser Zeit um ein Instrument mit 14 Registern und zwei Transmissionen möglichst in Anlehnung verschiedener Eigenschaften der ursprünglichen Orgel. 2003 wurde mein Angebot vom 07.04.2000 unter Einbezug des alten Pfeifenbestandes, eines erweiterten Tonumfanges und erweiterter Technik aktualisiert. Die Kostenbasis vom ersten Angebot wurde beibehalten, verschiedene Fotomontagen wurden erstellt. Der Kostenvoranschlag vom 21.07.2003 beinhaltete unter anderem 18 (19) Register und blieb bei weiteren Verhandlungen Grundlage bis zur Auftragsvergabe am 04.04.2005.

• Auftragserteilung und Definition
Erwähnenswerte Eckpunkte für den Zuschlag bestanden unter anderem daraus ein 19-rigistriges, romantisch disponiertes Werk mit Schwellwerk und seitenspieliger Anordnung auf engstem Raum hinter der historischen Fassade zu gestalten. Wichtiges Merkmal war; die Ansicht des neuen mit dem ursprünglichen Werk (1917) und dem zuvor entstandenem Kirchenraum (wie 1908) in Einklang zu bringen. Wir hatten eine Fläche von drei mal drei Metern und eine Höhe von 3,6 Metern zur Verfügung. Darin sollten fast 1200 Pfeifen (davon 10 Register mit 8’-Länge) Platz finden, man sollte von vorne nichts als die historische Fassade sehen und es sollte ein Schwellwerk untergebracht sein. Keine leichte Aufgabe.

• Aufgabenstellung, Gestaltung, technische Herausforderungen
Da wir im Jahr 2000 eine ähnliche Orgel in Marborn (II/17) gebaut hatten, waren wir zuversichtlich aller Konstruktionsarbeit die vor uns lag. Wir stellten allerdings fest, dass es aus Gründen der niedrigen Höhe und der besonderen Berücksichtigung des ursprünglich blinden (funktionslosen) 4’-Prospektes kaum wieder verwendbare Ansätze gab. Die Konstruktion füllte immer mehr den zur Verfügung stehenden Raum vollständig aus, gleichzeitig sollte dort ein vollwertiges 8’-Werk versteckt werden. Die Windladen mussten sehr weit unten angelegt werden damit die 8’-Längen nicht über die Prospektpfeifen herausragen. Alle Baugruppen die normalerweise unter den Windladen untergebracht sind mussten ungewöhnlich kompakt angeordnet werden. Da dies im Bereich des seitenspielig eingelassenen Spieltisches nicht möglich war mussten die Windladen an dieser Stelle getrennt und separat gebaut werden um sie dort höher anordnen zu können. Auch die Windversorgung und die Mechanik musste an dieser Stelle getrennt konstruiert werden. Das mittlerweile untersuchte und Teils zur Wiederverwendung vorgesehene Pfeifenwerk aus der alten Orgel (insgesamt 117 Pfeifen) gab uns zum Teil die Richtung für die Entwicklung des weiteren Pfeifenwerkes vor. Wir konnten relativ früh mit den praktischen Arbeiten beginnen.

• Durchführung
Die Abwicklung des Projektes basierte auf einem 10-teiligen Baufortschrittsplan, der vertraglicher Bestanteil war und strickt eingehalten wurde. Nach Erfüllung eines 10tels dieser vordefinierten Aufgaben wurde jeweils ein Bericht geschrieben und es konnte eine Rechnung gestellt werden. Es existieren also, mit Abschlussrechnung 11 dieser Berichte in denen jeweils alle Arbeiten bis zur Abnahme genau beschrieben wurden. Zusätzlich hatten wir über die gesamte Bauzeit mit zahlreichen Fotos an die Kirchengemeinde, den beiden Sachverständigen Herrn Prof. Kaiser und Herrn Moormann, sowie durch unsere Homepage über das laufende Projekt informiert (auf unserer Homepage immer noch unter „Werkliste“ einsehbar). Die Arbeiten begannen Anfang 2006 und endeten, mit der Unterbrechung für ein anderes Projekt, Ende 2007.

• Beschreibung
Das in sich schlüssig konstruierte und in unserer Werkstatt in allen Einzelteilen selbst gefertigte Werk weist an keinem Punkt Fremdcharakter von Fertigteilen oder Halbfertigteilen auf. Auch wenn verschiedene Detaillösungen oftmals günstiger möglich gewesen wären haben wir zugunsten der Qualität entschieden und Teils unwirtschaftliche Lösungen in Kauf genommen (Sägefurnierarbeit, aufwendige Windanlage, hochwertige Bauweise des Pfeifenwerkes, der Windladen sowie insbesondere der Eisentrakturen).

- Anlagenaufteilung
Die Orgel steht mittig auf der Empore des Langschiffes. Die Werke sind von vorne nach hinten gesehen in der Reihenfolge HW, Stimmgang, SW, Pedal aufgestellt. In der vorderen Hälfte auf der rechten Seite befindet sich der bündig zum Gehäuse eingelassene Spieltisch. Neben der Spielanlage steht ein 10cm stark isolierter Kasten, indem sich der Gebläsemotor befindet. In voller Breiter der Orgel verläuft unter dem Schwellwerk die dreifache Balganlage, von dort aus wird jedes Werk über das ebenfalls dreifache Kanalsystem mit Wind versorgt. Im vorderen Bereich, unter der Hauptwerkslade, in Verlängerung des Spieltisches liegen die Trakturrahmen der Manualwerke. Die Pedaltraktur wird über ein liegendes Wellenbrett nach hinten unter die Pedalwindlade geführt. Die Pfeifenanordnung und somit auch die Windladen- und Trakturanordnung sind aus der Mitte heraus seitenweise abfallend angelegt (in Anlehnung an die Fassade). Die Pfeifen- Kanzellen- und Trakturanordnung stimmt exakt überein, sodass, mit Ausnahme des Prospektes, keine Windführungen notwendig sind. Auf der Windlade des II. Manuals steht ein zusätzliches starkwandiges Gehäuse um dieses Werk in seiner Lautstärke durch bewegliche Klappen variieren zu können.

- Disposition

I. Hauptwerk C-a’’’

II. Schwellwerk C-a’’’

Pedal C-f’

           
Principal 8' Rohrgedeckt 8' Subbaß 16'
Salicional 8' Gamba 8' Flöte 8'
Holzgedeckt 8' Aeoline 8' Gemshorn 4'
Oktave 4' Vox coelestis ab c° 8'
Flöte 4' Gedeckt 4'
Vorabzug 2' Quinte 2 2/3'
Mixtur 4-fach 2' Flöte 2'
Terz 1 3/5'
Oboe 8'
Kanaltremulant
Koppeln:

II/I
I/Pedal
II/Pedal
Super II/Pedal


Spielhilfen:

Plenum (als Zug)

- Pfeifenwerk
I. Manual: Hauptwerk
Principal 8' C-A neu C, Cs, D Holz im Untergehäuse liegend, ab Ds Metall innenstehend, eingesetzte Labien, aus 87,5% Zinnbleilegierung.
B-d' neu im Prospekt stehend, eingesetzte Labien. (Überlänge und Expressionen), aus 87,5% Zinnbleilegierung (nach dem Vorbild alter Orgeln) gefertigt.
ds'-a''' neu innenstehende Pfeifen, 87,5% Zinnbleilegierung, gedrückte Labien, Expressionen.
kräftiger substanzreicher Ton.
Salicional 8' C-c° alt volle Länge, Holz, S-Bärte, Expressionen.
c°-h° alt Zink, gestempelte Labien, S-Bärte, Expressionen.
c'-f''' alt Zinn, Naturguss, gestempelte Labien, Kastenbärte bis f'' ab fs'' Kastenbärte bis e'', Expressionen.
fs'''-a''' neu Zinn, Naturguss, gestempelte Labien, Seitenbärte, Expressionen.
streichend leiser Ton
Holzgedackt 8' C-H neu feinjährige Fichte, eingesetzte Labien in Eiche.
c°-h° neu Fronten Eiche, Seiten feinjährige Fichte.
c'-a''' neu komplett Eiche, alle Vorschläge mit Papier aufgeleimt.
warmer spuckender Ton
Oktave 4' C-cs° neu 87,5% Zinn im Prospekt stehend, eingesetzte Labien, Überlänge, Expressionen.
d°-a''' neu 87,5% Zinn, innenstehende Pfeifen, gedrückte Labien, Expressionen.
kräftiger frischer Ton
Flöte 4' C-H neu feinjährige Fichte, eingesetzte Labien in Eiche.
c°-h° neu Fronten Eiche, Seiten feinjährige Fichte.
c'-a''' neu komplett Eiche, alle Vorschläge mit Papier aufgeleimt.
offener freundlicher Flötenton
Mixture IV 2' C-a''' neu Bauart wie Oktave 4', aus 75% Zinn.
(pro Ton 4 Pfeifen: 2' 1 1/3', 1', 2/3')
Repetitionspunkte liegen bei C, ds°, e', fs''.
Vorabzug aus Pfeifenreihe 2'.
glänzender Klang
Vorabzug 2' C-a''' neu Bauart wie Oktave 4', gedrückte Labien
auf Tonlänge geschnitten, aus 75% Zinn.
kräftig frischer Ton
II. Manual: Schwellwerk
Rohrged. 8' C-a''' neu durchgehende Bauart aus 15% Zinn. Röhrchen nach innen gehend, bombierte Deckel, große Bleibärte, angelötete Fähnchen gegen Verdrehen beim Stimmen.
runder hohler Flötenton
Gamba 8' C-h° alt Zink, volle Länge, gedrückte Labien, Expressionen, Rollenbärte bis H, z.T. gekröpft.
c'-f''' alt Zinn, gestempelte Labien, S-Bärte bis f', Kastenbärte bis h'', Expressionen.
fs'''-a''' neu Zinn, gedrückte Labien, Seitenbärte, Expressionen.
streichender zeichnender Ton
Aeoline 8' C-H alt Zink, volle Länge, gedrückte Labien, Expressionen, Rollenbärte, z.T. gekröpft.
c°-f''' alt Zinn, gestempelte Labien, Rollenbärte bis h', Expressionen.
fs'''-a''' neu Zinn, gedrückte Labien, Seitenbärte, Expressionen.
zarter sehr leiser Ton
Vox coelestis 8' c°-h° alt Zink, volle Länge, gedrückte Labien, Expressionen, S- Bärte, z.T. gekröpft.
c'-f''' alt Zinn, gestempelte Labien, Kastenbärte bis h'', Expressionen.
fs'''-a''' neu Zinn, gedrückte Labien, Seitenbärte, Expressionen. Das Register ist überschwebend gestimmt.
tremulierender sehr leiser Ton
Gedackt 4' C-H neu Fronten Eiche, Seiten feinjährige Fichte.
c°-a''' neu komplett Eiche, alle Vorschläge mit Papier aufgeleimt.
warmer weiter Ton
Quinte 2 2/3' C-a''' neu 35% Zinn, durchgehende Bauart wie Oktave 4', aber ansteigend mensuriert, gedrückte Labien, Expressionen.
farbiger nasaler Ton
Flöte 2' C-H alt einfache Länge, Naturguss, gestempelte Labien, Expressionen.
c'-h'' alt doppelte Länge, Naturguss, gestempelte Labien, Expressionen.
c'''-a''' neu doppelte Länge, Naturguss, gedrückte Labien.
sphärisch flötiger Ton
Terz 1 3/5' C-a''' neu 35% Zinn, durchgehende Bauart wie Oktave 4', abfallend mensuriert, Labien gedrückt.
farbig glänzender Ton
Oboe 8' C-H neu 75% Zinn, mit Drehdeckeldeckung.
c°-a''' neu 75% Zinn, alle Zungen und Kehlen nach französischer Bauart. Kehlen am Ende bombiert, Zungenblätter abgerundet.
lebendiger nasaler Ton
Pedal
Subbass 16' C-d' alt Fichte, Seitenbärte, geschraubte Vorschläge.
ds'-f' neu angeglichene durchgehende Bauart.
tragender hölzerner Ton
Flöte 8' C-d' alt Fichte, gerundete Aufschnitte, geschraubte Vorschläge, innenliegendes Labium.
ds'-f' neu angeglichene durchgehende Bauart.
weiter solistischer Ton
Gemshorn 4' C-f' neu durchgehende Bauart, Expressionen, ansteigend mensuriert.
leicht streichender weiter Ton

- Intonation
Mit verschiedenen Eingriffen wird der durch die Bauart vorbestimmte Klang aus den Pfeifen gestaltet. Die klanglichen Eigenheiten der Register werden hierzu bereits bei der Planung durch die Bauform, dem Material, der Mensur usw. geprägt. In der Kirche werden an jeder einzelnen Pfeife verschiedene Parameter verfeinert, bis der gewünschte Klangcharakter im Zusammenhang aller weiteren Töne und Register in sich selbst geformt und auf den Raum abgestimmt ist. Auch die Anlage mit all ihren Baugruppen ist auf die Klangrichtung der Romantik ausgerichtet, nicht nur die Disposition, sondern auch die Bauart der Pfeifen, die Windcharakteristik, die Anordnung und Art der Anlage usw. unterstützen diese Stilrichtung. Der Kirchenraum von Niederkalbach hat eine bemerkenswerte Akustik. Die Gewölbedecke des Langschiffes verläuft von der Empore aus zum Altar hin ansteigend und wirkt wie ein Horn, das den Schall nach vorne trägt. Leise Töne werden klar nach vorne geleitet, in umgekehrter Richtung verirrt sich der Klang zurück und wird fade. Diese Eigenschaft könnte man zunächst als Positiv beurteilen, aber sie hat auch Tücken. Werden die Reflexionsflächen des schallempfindlichen Raumes unterbrochen, bspw. durch Besucher verändert sich das Klangbild erheblich. Die besten Plätze befinden sich im zweiten Drittel des Langschiffes von der Empore aus gesehen. Wir hörten uns zunächst Pfeifen aus der alten Späth Orgel an und beurteilten die Lautstärken im Raum. Unter Berücksichtigung verschiedener Veränderungen (Emporenform, Brüstung, angebautes Querschiff) zwischen 1917 und 2007 entwickelte sich unser Ansatz für die Grundlagen. Demnach bearbeiteten wir Probetöne, die im Übrigen letztendlich mit den Lautstärken der Spät Orgel so gut wie identisch sind. Auf dieser Basis entstand das fein abgestufte Klangwerk.

- Windladen
Durch diese Baugruppe wird das werkweise darauf stehende Pfeifenwerk über die Traktur angesteuert und somit durch den einströmenden Wind zum Klingen gebracht. Die Ausführung der Windladen beeinflussen die Präzision der Spielbarkeit sowie die Entwicklung der Einzelklänge und die Verschmelzung des Gesamtklanges. Da diese Baugruppe hunderte von beweglichen Teilen enthält und zudem winddicht sein muss, entscheidet diese Schnittstelle oftmals über die Lebensdauer der gesamten Orgel. Durch die Form der Fassade war die Teilung der Windladen vorbestimmt und wurde symmetrisch, seitenweise (C- Seite links, Cs- Seite rechts) aus der Mitte heraus abfallend angelegt. So konnte das Pfeifenwerk durch die Front verdeckt und die Windwege kurz gehalten werden. Außer den Prospektpfeifen konnten alle Pfeifen ohne Verführungen direkt über den Kanzellen aufgestellt werden. Verschiedene Details: Rahmen, Stöcke, Dämme, Schleifen und Spunddeckel sind aus Eiche gefertigt, Schiede, Windkastenrahmen, Windkastenböden, Ventile und Raster aus Fichte. Dichtungsringe, unter und über den Schleifen, sind aus Kasimir (hochwertiger Stoff mit aufrecht stehenden Fasern) gefertigt. Die Schleifen (sorgfältigst ausgesuchtes Eichenholz) wurden graphitiert und poliert, damit sie sich leicht bewegen lassen. Die leichten Ventile werden synchron mit der Tastenreise in einen befilzten Anschlag gespielt um schnelle Repetitionen zu ermöglichen. Der Ventilanschlag ist regulierbar an den Spunddeckeln angebracht. Die Herstellung von Pulpeten aus beledertem Blei, Ventilfedern (ohne Auge) aus Klaviersaite, Trakturführungen und Dichtungen aus Leder, Drahtösen an den Drahtenden der Abzüge wurden mit Wolle gefüllt, um toten Gang zu vermeiden. Die Kanzellen der Schwellwerklade wurden im Bereich der Oboe 8’ mit Trennschieden von der restlichen Kanzelle abgetrennt, so dass das windempfindliche Zungenregister unabhängig vom Verbrauch anderer Register bleibt.

- Windanlage
Der Gebläsemotor fördert Wind in einen Holzkanal, der durch drei einfaltige, (expressiv wirkende) Bälge verläuft. In jedem Balg befindet sich ein schräg angeordnetes Regulierventil, so kann jedes Werk mit individuell eingestellten Winddruck unabhängig voneinander versorgt werden. Von den Bälgen ausgehend verlaufen weitere Holzkanäle, welche die Windladen mit entsprechenden Druck versorgen. An den Windkästen beider Manualwindladen wurden weitere Bälge als Stoßfänger aufgesetzt. Wegen der Trennung der Manualladen (eingeschobener Spieltisch) mussten pro Lade zwei Stoßfänger gebaut werden. Insgesamt gibt es also 7 Bälge in der Orgel. Die beiden Stoßfänger von SW werden beim Ziehen des Tremulanten (Kanaltremulant) durch zwei Klappen stillgelegt.

- Trakturwerk
Durch die seitenspielige Anlage in Kombination mit der seitlich wechselnden Aufstellung des Pfeifenwerkes sind die zahlreichen beweglichen Verbindungen zwischen den Tasten und den Ventilen unterschiedlich lang. Im Diskantbereich etwa, steht ein Ton direkt am Spieltisch, der Nachbarton jedoch auf der anderen Seite, die Trakturlänge differiert um etwa 3 Meter und trotzdem ist dieser Unterschied beim Spielen nicht spürbar. Die Trakturen wurden aus der Kombination von Fichte, Messingdraht, Eisenwellen, Eisenwinkeln, und präzise laufenden Lagern hergestellt. Unsere Trakturen sind mittlerweile bekannt für Leichtgängigkeit, extreme Repetition, präzise Feinfühligkeit und rationelle Anordnung.

- Gehäuse
Die seit 1977 in einer benachbarten Scheune aufbewahrte historische Fassade bestimmte die Konstruktion der gesamten Orgel von Anfang an. Alles musste so untergebracht sein, dass es einerseits dahinter verdeckt wird, andererseits aber in voller Bauweise seinen Zweck erfüllt. Im Zusammenhang mit der technischen Konstruktion wurde das eigentliche Gehäuse entworfen und im Stil der Fassade gestaltet. Das Gehäuse wurde aus feinjähriger und resonanzfreudiger Fichte gebaut. Die in klassischer Rahmenbauweise gefertigten Füllungen sind nach oben hin leicht herausnehmbar. Das Pedalwerk wurde aus klanglichen Gründen mit durchbrochenen Füllungen ausgestattet. Das Schwellwerk steht in einem starkwandigen, vollständig geschlossenem Gehäuse und ist mit waagerecht angeordneten Klappen in der Front ausgestattet. Die 22 Klappen lassen sich von einem Tritt am Spieltisch über eine massive Eisenwelle feinfühlig bewegen und lenken den Klang des Schwellwerkes musikalisch proportioniert in den Kirchenraum. Die Fassade selbst wurde untersucht um die farbliche Fassung festzustellen. Danach wurde sie entfärbt und restauriert, die originale Substanz konnte komplett erhalten werden. Die Aufgenommenen Farben wurden durch einen Kirchenmaler rekonstruiert und nach der ursprünglichen Fassung wieder aufgetragen und patiniert.

• Allgemeine Zusammenfassung
Das Gesamtwerk dieser Orgel ist letztendlich das Ergebnis aus Umsetzung der Vorgaben - ausgehend von den Wünschen des Auftraggebers - und den eigenen firmeninternen Vorstellungen. Es sollte ein langlebiges und wertvolles Kunstwerk entstehen in optischer und klanglicher Hinsicht. Jetzt steht ein Werk mit romantischem Prospekt gleichsam als Wiederaufnahme des Erscheinungsbildes der Vorgängerorgel. So hat die Kirche einen neuen - alten – Bestandteil zurück bekommen. Konstruktion und innerer technischer Aufbau wurden letztendlich im Sinne der Klanggestalt im Detail, in der Vielfalt und in der Fülle entwickelt Die neue Orgel am sakralen Ort in der St. Laurentius Kirche von Niederkalbach ist "Botschafterin". Jetzt liegt es an denen, die ihre Botschaft leise und laut werden lassen zur Ehre Gottes und zum gehaltenen Zuhausefühlen derer, die sich im Gottesdienst von ihr mitnehmen lassen wollen im Hören, im Animieren zum Einstimmen in den Gesang von Gemeinde und Chor. Und auch im Konzert ganz einfach zur Freude der Menschen - im verhaltenen und virtuosen, übermütigen und ausreizenden, ja provokanten Spiel bietet das Instrument die denkbar besten Voraussetzungen.


· Mitwirkende
Prof. Jürgen Kaiser Orgelsachverständiger; Klanggestaltung, Beratung und Betreuung des Projektes über den gesamten Zeitraum.
Ullrich Moormann Orgelsachverständiger; Betreuung des Projektes über den gesamten Zeitraum.
Pfarrer Niemic Pfarrer; Organisation, Verhandlung, Finanzplanung, Organisation, Initiator.
Andreas Schmidt Organisation, Ablauf, Gesamtplanung, Konstruktion, Klanggestaltung, praktische Arbeiten an Windladen, Pfeifenwerk, Spieltisch und Gehäuse. Technische und fotografische Dokumentation, Intonation.
Thomas Müller Planung, Konstruktion, Klanggestaltung, praktische Arbeiten an Windanlage, Windladen, Traktur, Gehäuse.
Matthias Detsch Praktische Arbeiten an Windladen, Pfeifenwerk, und Gehäuse. Fotografische Dokumentation, Restaurierung von Holzpfeifen.
Faxe Müller Praktische Arbeiten an Ton und Registertrakturen, insbesondere im Metallbereich.
Wolfgang Schramm Herstellung und Restaurierung der Metallpfeifen.
Thomas v. Wolfersdorf Manualtasten.
Gerd Schuster Porzellanschildchen.
Laukhuff GmbH&Co Kg Gebläsemotor, Kleinteile.
Christopher Betzwieser Voruntersuchung und farbliche Fassung der historischen Fassade.
Weitere Personen Vorbereitung der Elektrik, Hilfe bei Transporten, Versorgung mit Kaffee, Kuchen und guter Laune.


Wir danken allen, die durch ihren Einsatz, ihre Spende, ihre Hilfe und ihre Zuversicht zur Realisierung des Projektes beigetragen haben.

Orgelbau Andreas Schmidt

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