Franz Georg Ratzmann (*1771 Ernstroda-Cumbach, †05.05.1846 Ohrdruf) ließ sich 1792 als Orgelbauer in Ohrdruf/Thüringen nieder. Von zehn seiner Kinder überlebten sechs, drei davon erlernten bei ihm den Orgelbau. Auch Ernst Sauer, der Gründer von Sauer Orgelbau Frankfurt/Oder ließ sich bei Ratzmann ausbilden. Unter der Leitung von F.G.R. wurden hervorragende Instrumente gebaut, bekannt sind heute allerdings nur etwa 14, darunter auch dreimanualige (Fulda).

 

Sein Sohn Johann Heinrich Ludwig (*07.05.1804 Ohrdruf, †25.02.1875 Ohrdruf) übernahm 1846 mit seinem älteren Bruder Johann Friedrich Heinrich (*23.06.1800 Ohrdruf, †30.7.1881 Ohrdruf) zusammen die Werkstatt. Die Brüder bauten in hoher Qualität, vermutlich tauschten sie sich in dieser Zeit auch mit ihrem jüngeren Bruder Wilhelm August (*22.11.1812 Ohrdruf, †25.11.1880 Gelnhausen) aus, der sich bereits um 1839 wegen der Leitung des Baus einer großen Orgel (für die Bergkirche in Niedergründau) in Gelnhausen niedergelassen hatte. Nach 1876 scheint der Ratzmann-Orgelbau in Ohrdruf erloschen zu sein, während sich Wilhelm August bis zu diesem Zeitpunkt mit seinen Nachkommen einen florierenden Betrieb aufgebaut hatte.

 

 

Der Auftakt von Wilhelm August Ratzmanns Werkstatt in Gelnhausen begann 1846. Unter Verwendung seines eigenen Namens baute er ein Werk nach dem anderen und soll rund 75 Orgeln erschaffen bzw. an ihnen gearbeitet haben. Ab etwa 1870 bevorzugte er die mechanische Kegellade, baute aber auch traditionell die Schleiflade weiter. Seine Werke gelten als robust, souverän und fein. Drei seiner vier Kinder wurden Orgelbauer und erweiterten nacheinander ihre Kenntnisse in renommierten Betrieben, bevor sie jeweils wieder heimkehrten.

 

Unter Mithilfe seiner Söhne Friedrich Heinrich Ludwig (Jean) (*07.01.1842 Gelnhausen, †?), Wilhelm (*20.09.1846 Gelnhausen †11.11.1911 Gelnhausen) und Anton August (*24.09.1852 Gelnhausen, †30.6.1928 Gelnhausen) blühte der Betrieb in Gelnhausen bald voll auf und erlangte überregionale Bedeutung. 1860 bis 1870 verließ Jean, der älteste, die Gelnhäuser Werkstatt und ging eigene Wege. Seine Spuren führen nach Hanau, Steinau, Offenbach, Koblenz, Ohrdruf und in die Schweiz. In dieser Zeit hat er teils auf eigene Rechnung, gleichzeitig aber auch für den väterlichen Betrieb (nachweislich bis 1879) gearbeitet.

 

1880, nach dem Tod von Wilhelm August Ratzmann, wurde der Betrieb von Wilhelm und Anton August zunächst unter dem Namen "Gebrüder Ratzmann" fortgeführt.

 

Wilhelm Ratzmann

Anton August Ratzmann

 

Wilhelm, ein hart kalkulierender Geschäftsmann mit innovativen Ideen, hatte sich in seinen 6 Wanderjahren viel Wissen angeeignet, unter anderem auch über Neuheiten der Pneumatik. Anton August war eher ein der traditionellen Bauweise des Vaters verhafteter Handwerker und ein ausgezeichneter Intonateur. Unter Einfluss neuer angewendeter Techniken konnten die Brüder zukunftsweisende Instrumente erschaffen, die in ihrer klanglichen und technischen Qualität kaum zu überbieten waren. Die Auftragsbücher füllten sich und es sollten zwischen 1880 und 1921 weitere 48 Orgeln von Ratzmann entstehen. Nachdem Wilhelm 1911 verstorben war, versuchte seine Witwe, das Geschäft von ihrem Schwager Anton August loszureißen. Es gab Streitigkeiten. A.August gelang es nicht, das Geschäft in seinem Namen weiterzuführen. Die Witwe Ratzmann verkaufte das Geschäft 1921 an den engagierten Steinmeyer-Schüler Richard Schmidt (*18.04.1889 Aubstadt, †1951 Gelnhausen).

 

 

Die Ratzmann-Orgeln heute:

Trotzdem die Orgelbautradition Ratzmann insgesamt ca. 170 Werke hervorbrachte, existieren doch leider viele Instrumente nicht mehr. Etliche fielen dem Krieg zum Opfer, weitere sind in der Nachkriegszeit durch neue ersetzt worden, da sie wegen ihrer romantischen Dispositionen und ihrer Kegelladen klanglich und technisch nicht den damaligen Vorstellungen entsprachen. Aus selbigem Grund wurden auch oft Umgestaltungen der Disposition durchgeführt, welche oftmals darin bestanden, großfüßige Register durch unverhältnismäßig kleinfüßige zu ersetzen. Der Originalzustand einiger Orgeln ist aber nicht bekannt, da der Aktenbestand der Firma Ratzmann leider lückenhaft ist. Genaue Rückschlüsse lassen sich oft erst dann ziehen, wenn Pfarreien noch im Besitz von Originalunterlagen sind. Im Gegensatz zu der Hessischen Niederlassung, deren Instrumente recht gut erforscht und erfasst wurden (hier sei Nikolaus E.Pfarr erwähnt, der viel über Ratzmannorgeln zusammengetragen hat), ist über die Werke der Ohrdrufer Linie nicht viel gesammelt worden, was wohl mit der politischen Situation nach dem II. Weltkrieg zusammenhängt (Ohrdruf lag in der DDR). Da wir ständig auf der Suche nach alten Schriftstücken und Daten sind, würden wir uns über Ihre Mitarbeit freuen! Falls Sie Unterlagen oder Informationen über Ratzmannorgeln haben, informieren Sie uns doch bitte!

 

Karte Ratzmannorgeln

 

Stammbaum Ratzmann